Kolping-Gedenktag am 4. Dezember: So arbeiten sie heute dort „Mein Leben läuft!“
Jetzt hat er die Zukunft fest im Blick: Andre Neumann (rechts) und sein Ausbilder
Clemens HershoffFoto: Auffenberg
Paderborn. Wenn André Neumann (24) von seiner Vergangenheit spricht, dann
mag man nicht glauben, dass er tatsächlich von sich selbst redet. Kann das sein,
dass dieser junge Mann mit dem offenen Blick, der so klar und reflektiert
erzählt, der jetzt aufs Geld verdienen brennt, noch vor drei Jahren so anders
war? Nämlich einer, der dreimal seinen Hauptschulabschluss verpasst hat, weil
er einfach nicht hingegangen ist? Ja, er ist derselbe. Nach seiner zweijährigen
Berufsausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer Metall- und
Kunststofftechnik im Kolping-Berufsförderungszentrum (BFZ) an der Otto-
Stadler-Straße schließt er derzeit seine 2. Ausbildung zum Industriemechaniker
Feinwerktechnik an. Und was hat die Wende gebracht? „Wie sie hier mit mir
umgegangen sind.“
Als vor drei Jahren der Brief von der Arbeitsagentur kam, er solle doch mal wegen einer
möglichen Ausbildung kommen, da ist er zähneknirschend hingegangen. „Ich habe
gehofft, dass es nichts wird“, sagt er heute. Er hatte einfach keine Lust. Er hatte zu
überhaupt gar nichts Lust. Warum auch? Er hatte keinen Schulabschluss, dafür Schulden.
Er jobbte ein bisschen mal hier, mal da. Was sich so leicht anhört, ist in Wahrheit Stress.
Da heraus zu kommen, wird schwer und schwerer, denn die Gründe in Deckung zu
bleiben, werden mehr; die Aussichten geringer: die Zahl der Mahner und Kritiker wird
größer. So gesehen, war seine Entscheidung, doch zur Arbeitsagentur zu gehen,
womöglich eine der wichtigsten seines Lebens.
Die Agentur vermittelte ihn zu Kolping, wo er im Rahmen des Sonderprogramms „Dritter
Weg“ eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer absolvieren konnte, trotz
seines Alters, trotz des fehlenden Schulabschlusses. Doch auch bei Kolping hatte er
erhebliche Startschwierigkeiten. „Den Tagesablauf reinzukriegen, war sehr schwer“, sagt
er heute, „sie mussten mir oft in den Hintern treten.“ Nach einem halben Jahr hat er
verstanden, worum es geht: um sein Leben. Denn er hatte Menschen um sich, die ihn in
seiner Ausbildung unterstützten und förderten. Die wollten, dass er es packt und die viel
Geduld mit ihm hatten. Clemens Hershoff ist einer von denen, sein Ausbildermeister. Er
sagt: „Vor drei Jahren hätte ich gedacht, das Andre´ sich schwer tun würde mit dem
Lernen und heute macht es ihm Spaß. Der macht noch garantiert weiter.“
Die Fähigkeit zu lernen, hatte er, die Bereitschaft dazu fehlte. Andre Neumann sagt, es
sei besonders der Umgang miteinander, der ihn verändert habe. „Da wo ich her komme,
ist der Jargon doch ganz anders.“ Arbeit und Lernen standen bei ihm nicht im
Vordergrund. Beides hat er bei Kolping erstmals überhaupt erlebt. Und er hat gelernt,
dass es lohnt, dies selbst zu praktizieren. „Mein Leben läuft“, sagt er, und: „jetzt kann ich
mich wirklich freuen, auf das, was noch kommt.“
Das Kolping-Berufsförderungszentrum beruft sich auf den katholischen Priester und
Sozialreformer Adolph Kolping. In der Zeit der Industriellen Revolution kümmerte er sich
von Köln aus um die Wandergesellen und gründete landesweit Vereine, in denen die
jungen Männer Halt und Bildungsangebote fanden. Kolping starb am 4. Dezember 1865
und wurde vor 20 Jahren selig gesprochen.
